Wir sind helden!

by · Dezember 26, 2010

Der jüngste Kriminalroman von Jakob Maria Soedher trägt den Titel
„Rotkreuzplatz da Vinci“. Die Handlung spielt rund um die Blutenburgstraße, die Schauplätze reichen bis zu den Herrmannsdorfer Landwerkstätten in der Nymphenburger Straße, die Schulstraße und die Donnersbergerbrücke. LocalLIFE traf sich mit dem aus Unterfranken stammenden Autor, um mit ihm unter anderem über seine Motive der Ortswahl zu plaudern.


LocalLIFE: Herr Soedher, bitte erzählen Sie uns, warum ihr Romanheld Dr. Samuel Binder in Neuhausen lebt. Wohnen Sie vielleicht selbst hier?

J. M. Soedher: Nein, ich wohne nicht in München, bin allerdings seit zwölf Jahren häufiger in Neuhausen unterwegs. Mir gefällt die Ecke besonders gut. Zwar führt das Viertel für Münchner Verhältnisse ein Schattendasein, es wird in der Öffentlichkeit nicht so stark wahrgenommen. Dennoch ist die Lebensqualität unglaublich hoch.

LocalLIFE: Woran machen Sie das fest?

J. M. Soedher: Es gibt viele positive Entwicklungen in den letzten Jahren: Das Einheitsgrau verschwindet, der Charakter des Viertels zeigt sich immer deutlicher. Da entstehen tolle Hinterhöfe – man kümmert sich um die Substanz. Es öffnen immer wieder neue Läden, die genau auf den Bedarf der Menschen, die hier wohnen, abgestellt sind. In der Blutenburgstraße stehen Bänke, einfach so, auf denen die Menschen sitzen, ohne etwas konsumieren zu müssen. Man sieht sich, man kennt sich.

LocalLIFE: Also die perfekte Gegend für einen Mord?

J. M. Soedher (lacht): Der rätselhafte Mord in meinem Buch liegt doch schon über dreißig Jahre zurück! Ich habe Neuhausen als Schauplatz nicht deshalb ausgewählt, weil es die perfekte Kulisse für Mord und Totschlag ist, sondern weil ich mir sehr gut vorstellen kann, dass mein Held, der Dr. Binder, Mitarbeiter der Graphischen Sammlung München, tatsächlich dort wohnen könnte: in der Birkerstraße, in einem Zimmer mit Türmchen.

LocalLIFE: Ich habe das Haus gesucht. Vergeblich!

J. M. Soedher: Es gibt das Haus, es gibt ein Türmchen. Aber ich habe die Dinge spiegelverkehrt dargestellt. Sie glauben nicht, wie viele Leser nach Originalschauplätzen Ausschau halten und dann in Häusern klingeln und nachfragen!

LocalLIFE: Etliche Geschäfte sind so porträitiert, dass man sofort weiß: Nichts davon ist erfunden.

J. M. Soedher: Die Wirklichkeit schafft immer die schönsten Szenen! Ich musste natürlich etwas bieten, um meine Neuhauser Leser gut zu unterhalten. Ich kann nicht an einer Kreuzung, wo die industrielle Großbäckerei eine Filiale betreibt, plötzlich eine Eisdiele ansiedeln. Oder nur weil es mir besser gefallen würde, den Biobäcker. Die lokalen Leser würden mir das nie verzeihen.

LocalLIFE: Ist das Buch für Nicht-Neuhauser auch interessant?

J. M. Soedher: Das Buch ist weder ein Heimat-, noch ein Stadtkrimi. Der Ort könnte komplett ausgetauscht werden. Ich habe alle lokalen Situationen so beschrieben, dass sie der Leser in Hamburg auch SEHEN kann. Er muss die Orte nicht kennen, damit der Roman funktioniert und das Lesen Freude macht. Ich erzähle auf mehreren Ebenen. Eine davon ist die Geschichte davon, dass Dr. Binder zufällig einen völlig neuen Blick auf sein Leben erhält. Die Personen spielen eine größere Rolle als die Orte.

LocalLIFE: Das Buch ist also nur auf den ersten Blick ein Kriminalroman?

J. M. Soedher: Ich spiele mit dem Genre, das ist wahr. Die Polizei hat nur eine Nebenrolle und nicht jeder, der ein Polizist zu sein scheint, ist tatsächlich einer. Es gibt noch nicht mal einen ermittelnden Kommissar. Dr. Samuel Binder will wissen, was war. Ihn interessiert die Aufklärung, nicht die Verhaftung eines Verdächtigen.

LocalLIFE: Können Sie sich das Buch als Film vorstellen?

J. M. Soedher: Ich sehe beim Schreiben immer einen Film vor mir. In diesem Fall war es ein Film, der sehr langsam beginnt und zum Ende deutlich schneller wird.

LocalLIFE: Zumindest eine Szene könnte in bewegten Bildern kaum noch stärker sein als im Buch: Ihre Beschreibung davon, wie Dr. Binder sonntagmorgens von der Donnersbergerbrücke auf München blickt: „Städte hatten ihre magischen Orte, genauso wie es in verwunschenen Wäldern versteckte Quellen, heilige Felsen und geheimnisvolle Höhlen gab. Der Ort, an dem Samuel Binder gerade stand, war so ein magischer Flecken, mitten in der Stadt.“ In einer langen Passage geht der Romanheld seinen romantischen Gefühlen nach. Er zitiert Eduard Mörike, denkt an Caspar David Friedrich und reflektiert, dass ihn manch einer jetzt für verrückt erklären würde.

J. M. Soedher: Aber er kommt wieder auf den Teppich zurück, als ein Streifenwagen hinter ihm auftaucht.

LocalLIFE: Mehr wollen wir jetzt nicht mehr verraten, denn die Leser sollen das Buch ja noch mit Spannung genießen! Viel Erfolg, Herr Soedher, und vielen Dank für das Gespräch!

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