Die Ruhe vor dem Sturm

by · Dezember 4, 2013


Es gibt sie, die Tage, an denen wir erkennen, dass jedes unserer Probleme ganz schnell lösbar ist, wenn wir es nur endlich anpacken. Neulich war so einer. Ich spürte förmlich, wie mein Leben an Sinn und Zuversicht gewinnen würde, wenn es mir gelänge, die Provisorien konsequent und kontinuierlich daraus zu verbannen. Ordnung hieß das Zauberwort.

Ich beschloss, mein neues Leben mit der Erneuerung einer hölzernen Fußbodenbohle zu beginnen, die mich seit unserem Einzug vor Jahrzehnten nervte. Sie war notdürftig ausgebessert und knarrte erbärmlich. Ich wollte es jetzt sofort tun und rief den Tischler an. Es sei nur eine Kleinigkeit, erklärte ich am Telefon, „schnell gemacht“, sozusagen.
Schon wenige Tage später wollte er kommen, der Handwerker. Um sieben in der Früh!

Alles schien zunächst wie am Schnürchen zu laufen. Aufstehen, duschen, Kinder antreiben … Doch um 7.30 Uhr lagen zwar die Frühstücksbrote geschmiert auf dem Küchentisch, die Schulranzen waren gepackt, vom Tischler jedoch fehlte jede Spur. Die Kinder philosophierten darüber, wie er denn wohl aussehen würde, so ein Mann, der ein Fußbodenbrett reparierte, und vergaßen darüber, ihr Müsli zu essen …
Um viertel vor acht wurde ich nervös. Mein Handwerker-Zeitfenster begann sich zu schließen. Das kleinere Kind musste zur Schule gebracht werden und auch meine Arbeit rief. Ich schielte pausenlos auf die Uhr und wünschte meinen eigenen Aktivismus zum Teufel. Was störte mich das alte Brett, es würde auch die nächsten 50 Jahre überleben … Um 5 vor acht klingelte ich bei meiner Nachbarin und fragte sie verzweifelt, ob sie das Kind in die Schule bringen könne, weil ich einen Handwerker erwarte. Ich öffnete das Fenster und wunderte mich, wie schnell das Kind laufen konnte, als sich mein Blick in der Aufschrift eines Lieferwagens verfing, der vor unserem Haus stand. Ich traute meinen Augen nicht: Es war die Firma, die mir meinen Tischler „vorbeischicken“ wollte. Ich stutzte. Irgendwas stimmte hier nicht. Im Wagen saß seelenruhig ein mehr als wohlgenährter Zeitgenosse und verspeiste Kartoffelsalat aus einem eimerartigen Gefäß. Auf der Armatur seines Wagens lehnte ein Liter Vollmilch.
Ich kochte innerlich, schloss die Tür und atmete tief durch. Dann ging ich in die Küche und setzte mir Kaffee auf. Mir war jetzt alles egal. Sollte er kommen oder wegbleiben …

Kurz darauf klingelte es. Ich öffnete teilnahmslos. Es habe einen Stau gegeben, erklärte der Kollege achselzuckend und wo es denn Bedarf gebe? Ich führte ihn schweigend in unseren Flur und deutete auf die Stelle. Der Vorfall erschien mir vollkommen banal. Der Handwerker knurrte und starrte auf den Fußboden. Dann sagte er „oha“ und begab sich zu seinem Auto. In mir wuchs das Gefühl, das Haus müsse nun abgerissen und neu erbaut werden, so schwerwiegend schien das Problem. Doch er kehrte schnell zurück: bepackt mit Werkzeug und einem lächerlichen Brett im Arm. Binnen kürzester Zeit war der Fall erledigt, das Knarren für immer Geschichte.

Ich schob den Kollegen aus der Tür und begab mich zu meiner Kaffeetasse. Ich wollte und musste mich entspannen. Es ging nicht. Ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren und an etwas Schönes zu denken. Der Blick auf die neue Leiste genügte irgendwie nicht. Ich seufzte tief, weil ich wusste, dass das manchmal half. Plötzlich stieg eine Erinnerung in mir hoch:
Es war am Heiligen Abend gewesen. Unsere ältere Tochter war gerade sechs Wochen alt, das Leben ein einziger Ausnahmezustand. Um 17 Uhr hatte mein Mann unser Weihnachtsessen, ein Fertiggericht mit Bohnen, in den Ofen geschoben, als wir spürten, dass die Raumtemperatur von Minute zu Minute sank. Draußen herrschte bitterer Frost. Die Gastherme hatte sich überraschend verabschiedet. Hektisch durchflöhten wir die Branchenbücher nach Notfallklempnern und dachten gleichzeitig darüber nach, wen von unseren Freunden wir denn am liebsten zum Heiligen Abend mit unserem Baby unterm Arm überraschen würden.
Erstaunlicherweise erreichten wir auf Anhieb einen Klempnerbetrieb, der Mitgefühl ausdrückte und irgendwann „jemanden schicken“ wollte. Mit Unmengen von Jacken und Pullovern übereinander, unser Kind in Decken und Daunen gewickelt, harrten wir der Dinge. Das Wunder geschah schon 20 Minuten später. Der Retter stand vor unserer Tür. Binnen kürzester Zeit erweckte er die Heizung wieder zum Leben. Wenn ich mich richtig erinnere, ging er mit mindestens drei Flaschen Wein aus der Tür.
Wir hätten ihn küssen können, als wir unser Fertiggericht bei steigenden Temperaturen genossen. Und wir liebten in diesem Moment wirklich alle Handwerker dieser Welt.

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