Die localLIFE-Lesebühne: Marion Bremm – Lächle!

by · April 25, 2016

Lächle!

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Der Himmel weint. Vor Freude um meine Rückkehr? Die Heimat. Den dünnen Stoff um meine Schultern etwas enger angelegt. So geht es gut. Doch es kann nichts mehr schiefgehen, sie geht neben mir, meine Seelenverwandte, meine beste Freundin, mein Ursprung. Mama erzählt lächelnd von ihren Erlebnissen: “Hier, in der Lazarettstraße, da hatten wir unsere erste Wohnung. Wie undicht die Fenster waren und wie alt die Türen. Aber genau daran erinnert man sich noch heute, denn sie waren der Anfang wunderbarer Abende, dick eingekuschelt, fest umschlossen von dem Menschen, mit welchem man für immer zusammen sein möchte.” Es keimt der Wunsch, das in genau 30 Jahren zu meiner erwachsenen Tochter sagen zu können, während wir miteinander zur letzten Wohnungsbesichtigung des Tages durch strömenden Regen eilen. Wehmut steigt langsam, aber sicher, immer weiter von der Magengegend in das Herz. Bin ich nicht genau wegen eines Mannes aus Berlin geflohen? Vor dem Mann, der mich eigentlich dort immer haben wollte? Ein kurzer Moment der Rückbesinnung. Jetzt bin ich hier. Mein Leben. Mein neues Leben. Lächle!

Die Wohnung ist hübsch, knarzender Boden, „die Fenster werden wohl einmal renoviert, jetzt zieht es etwas” – mir ist, als höre ich leises Lachen. Nach nicht einmal einigen Augenblicken gehört mir die Wohnung. So schnell? Ich kann doch kein schlechter Mensch sein, wie es einem oft in der nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit gesagt wurde. “Zum Joggen, geh nicht in den Park, sondern lieber den Kanal entlang bis hinab zum Schloss Nymphenburg.” Idyllisch gelegene Straßen mit schönen Einfamilienhäusern, in deren Gärten das niedliche Mädchen feixend und laut lachend mit seinem Brüderchen schaukelt, hier groß wird? “Ja, auch das gibt es gleich hier, hier entlang, die Prinzenstraße.” Vor deren Leben ich stehe und mir schweren Herzens denke: Wo ist meine Familie? Nein, endlich nicht mehr weg, ich bin zuhause! Abgemacht. Vor der Türe: Das ist es. Und nun? Da schau, ein blonder Jüngling, schlank, nahezu schlaksig, Schlaghose, daneben, eine zierliche Kleine, schwarzes Haar, große braune Augen, ein strahlendes, fesselndes Lachen im Gesicht. Hand in Hand, über der Schulter Schlittschuhe. Ein Pärchen aus dem Bilderbuch, hin zum Kanal. Er hilft ihr in die Schuhe und schwingt gleich danach behände nach oben, dreht die ersten Runden. Sicherlich nicht zum ersten Mal, sie hingegen fühlt sich noch etwas unsicher. Ich hab das doch nie richtig gelernt, ach komm schon, hilf mir! Er nimmt sie zärtlich in seine Arme, hebt sie hoch. Im Hintergrund dieses wunderbare Schloss im Sonnenlicht. Ein Regentropfen, eine Träne läuft mir die Wange hinab? “Wo warst du denn jetzt gerade? Freu dich, diese Wohnung auf Anhieb bekommen zu haben!” Meine Mama neben mir, einige Jahre älter geworden, doch dieses umwerfende Lächeln bleibt auf ihren Lippen.

Einige Wochen später. Eingelebt, ja. Der Zauber dieses Schlosses lässt nicht nach. Lässt er jemals nach? Ein Zauber, wie oft schon gespürt, wie viele Male wieder abgeklungen, häufig zerstört worden? Neben dieser Stimme im Kopf mein Atem. Ein wunderbarer Weg zum Laufen. Macht den Geist frei und belebt ihn gleichzeitig. “Du bist das Beste, was mir je passiert ist”, das klingt in meinen Ohren, ein Blick nach rechts – ein tanzendes, glückliches Pärchen auf dem Kanal auf Kufen und freudestrahlend. Nach vorne schauen, wie so oft, trotz jeglicher Niederlagen, immer nach vorne schauen. Das Gedächtnis belastet – das Glück ist vergänglich und bleibt bei vielen doch so oft. Der Rückweg, schwerer. Die Glieder schmerzen, der Weg erscheint härter. Unzumutbar? Das Leben fragt das nicht. Man macht weiter, man schüttelt sich und ja, es geht weiter. Jetzt hier, hier mit einem Lächeln auf den Lippen. “Es ist gut”, höre ich das Mädchen mit den schwarzen Haaren sagen. “Ja, das ist es”, antwortet der junge Mann.

Unter: Kultur

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