Der Trend zur Troddel

by · April 13, 2015

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Die Posamenten Manufaktur gehört zu den drei letzten Werkstätten ihrer Art in Deutschland und zu den „111 Geschäften in München, die man erlebt haben muss”, wie der Shopping-Guide des emons:-Verlags findet. 1895 gegründet, hält der kleine Betrieb eine alte Zunft am Leben, – und bringt die Pracht alter Schlösser neu zum Glänzen.

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Als im Herbst vergangenen Jahres die nördlichen Appartements von Schloss Nymphenburg der Öffentlichkeit neu zugänglich gemacht wurden, rekonstruierte man dafür die originalen Seidenstoffe nach alten Vorlagen. Für die textilen Accessoires an Vorhängen und Polstern, wie Raffhalter, Quasten und Empirefransen, die so genannten Posamenten, zeichnete sich Tobias Gattermann mit seinem Team verantwortlich. Für den gebürtigen und ansässigen Nymphenburger ausnahmsweise ein „Heimspiel”: Der illustre Kundenstamm der Posamenten Manufaktur reicht vom Bolschoi -Theater in Moskau über Schloss Schönbrunn in Wien bis hin zum neuen Palais Potsdam. Exklusive Inneneinrichtungshäuser und – architekten, aber auch immer mehr Privatkunden, die durch Veranstaltungen wie „Open Westend” auf diesen besonderen Kleinbetrieb aufmerksam werden, verlangen weltweit nach diesen sehr speziellen Fertigkeiten in Sachen Posamenten.

Die Werkstatt der Posamenten Manufaktur liegt jenseits der Donnersbergerbrücke im Westend. Dort öffnet Tobias Gattermann die Tore seiner Schatzkammer für Schmucktextilien für uns. Überwältigend und unerwartet der Anblick seines Garnlagers mit Zwirnen in mehr als 700 verschiedenen Farbtönen. Bei Bedarf werden sie in helleren und dunkleren Schattierungen, matten und glänzenden Varianten zueinander passend ausgesucht, auf hölzernen Materialständern festgesteckt und zu Schnürchen, Seilen und Kordeln verdreht, die exakt dem Farbschema des vorgegebenen Stoffes entsprechen. Auf hohen Regalen türmen sich Schachteln mit Aufschriften wie Mäusezähnchen, Gold Bouillon und Corellschweif. Und überall: Quasten in den unterschiedlichsten Ausführungen, groß und schwer wie Bananenblüten oder filigran wie Christbaumschmuck. Materialien aus Kalbspergament, Federn, Baumwolle, Wolle, Seide und Viskose werden hier verarbeitet; kleine Linsen aus Holz mit edlen leonischen Materialien, wie Goldlan und Silbergespinst, von Hand überarbeitet. Altertümlich anmutende Holzwerkzeuge stehen hier nicht zur Dekoration, sondern kommen tatsächlich zum Einsatz, wie etwa das alte Spulrad, auf dem Kupferdrähte umgespult werden. Tobias Gattermann, um dessen Hals als Zeichen seiner Zunft eine Schere an einer selbstgedrehten Kordel hängt, setzt sich in den Handwebstuhl und demonstriert in diesem vermeidlichen Museumsstück, wie er den Fransenbesatz für den Bühnenvorhang des Staatstheaters in Tiflis fertigt. „Das Handweben wird auch als Therapie eingesetzt”, weiß er. Wenn Füße und Hände in die Trance einer gleichförmigen Bewegung geraten, wird der Kopf frei, und die Arbeit erhält eine meditative Komponente.

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Die Herstellung von Posamenten ist ein hochkomplexes Handwerk; alles wird in vielen verschiedenen Arbeitsschritten komplett in der Werkstatt selbst hergestellt. Rund acht bis zehn Stunden Arbeit stecken in einer einzelnen Quaste. Die vier Posamentierer, jeder im Grunde ein Allround-Kunsthandwerker, beherrschen zwar das gesamte Handwerk, sind dabei aber jeweils auf einige der rund 120 Fertigkeiten spezialisiert, die in Weberei, Seilerei und Handarbeit anfallen. „Das Schöne daran: Man lernt nie aus”, so Gattermann. Und dass, obwohl er seit genau 20 Jahren in diesem Beruf selbstständig ist. Neue Aufträge erfordern neue Fertigkeiten, die man sich selbst aus den vertrauten herleitet und aneignet. Das alte Handwerk geht auf das 15. Jahrhundert zurück und erfuhr vor mehr als einem Jahrhundert eine Blütezeit in unseren Breiten. Doch während es im Jahr 1900 deutschlandweit rund 17.000 Werkstätten gab, war es in der Neuzeit tatsächlich vom Aussterben bedroht. Vor vier Jahren wurde das Berufsbild schließlich von der Handwerkskammer im Ausbildungsberuf „Textilgestalter/-in im Handwerk” neu erfasst, woran Tobias Gatterman als Sachverständiger mitgewirkt hat. Gattermann, dessen Urgroßvater Kirchenmaler war, hat „von Haus” aus ein Interesse an Antiquitäten. Als 1995 die Posamenten Manufaktur, damals noch in Nürnberg, zum Kauf stand, hat er sie mit Begeisterung übernommen. 2000 erfolgte der Umzug nach München. Hier entwickelt das Team mit klassischen Mustern in frischem Design eine eigene Kollektion an modernen Schmucktextilien, fertigt für lokale Schmuckdesigner Ohrstecker, für Modemacher Geflechte, die als Schließen an Umhängen Verwendung finden, und für Kunden in Japan textile Accessoires für Handy und Handtaschen, reichlich verziert mit Swarovski-Kristallen.

Quasten, erzählt Gattermann, werden auch bei Ikea oder auf dem Tollwood angeboten – zum halben Preis seiner Produkte. Aber dabei handelt es sich dann eben um Massenware mit Plastik-Innenkörpern, hergestellt in Billiglohnländern. Handarbeit hat ihren Preis aber auch ihren Wert. Ob der Trend wieder hin zur Troddel gehen wird? Wundern würde es weder uns noch den Quasten-Meister: Tobias Gattermann gefällt der moderne, geradlinige Stil im zeitgenössischen Wohnumfeld – aber er liebt eben auch Seidenstoffe, prächtige Farben, Weichheit und Polster. Er erzählt, dass manche Menschen „Urlaub” von ihrer minimalistischen Umgebung machen und dafür in barocke, plüschige Luxushotels fahren, wo Bordüren, Raffhalterungen und Quasten die üppigen Vorhänge schmücken. Übrigens sind auch diese Hotels gelegentlich Kunden von ihm, wie aktuell der Bayerische Hof.
Zukunftsmusik: Vielleicht gibt’s irgendwann ein Beratungs- und Verkaufsbüro in der Nymphenburger Dall’Armi-Straße. Doch bis dahin werden noch viele Meter Schmuckbordüre aus dem Handwebstuhl fließen.

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www.posamentenmanufaktur.de/
In der Werkstatt sind nach Vereinbarung ca. 90 minütige Führungen für Gruppen bis zu 13 Teilnehmern möglich.

Unter: Allgemein

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