„Abends Live-Musik, gleich im nächsten Lokal, das fehlt mir!“

by · September 26, 2010

Als weltoffene Stadt hat München ein großes Faible für Lateinamerika und seine Rhythmen: Brasilianische Samba-Shows und Merengue-Kurse, kubanische Salsa-Nächte und argentinisches Tango-Fieber sind nicht mehr aus dem kulturellen Leben der Stadt wegzudenken. LocalLIFE hat Luis Borda getroffen, einen in Neuhausen wohnenden Argentinier, der zu den weltweit besten Interpreten des Tango Nuevo zählt – und ihn gefragt, ob die musikalische Lebenslust Lateinamerikas importierbar ist.

Luis Borda, heute 55 Jahre alt, kam 1996 nach München, der Liebe wegen. Seine deutsche Frau hatte er auf einem Konzert in Buenos Aires kennengelernt, und irgendwann war es zu aufwändig, zwischen den Kontinenten hin- und herzupendeln. „Versuchen wir es in Deutschland“, haben sich die beiden gesagt. Mittlerweile wohnen sie mit Hund und Tochter in der Nymphenburger Straße – sehr gern, wie sie sagen.

Als international gefragter Musiker ist Luis Borda auf den Bühnen dieser Welt zuhause. Sein Name verbindet sich mit dem Tango Nuevo, einer Weiterentwicklung des klassischen Tangos, bei der die gefühlvolle Ausdruckskraft erhalten bleibt, aber Jazz- und Klassikelemente, Instrumentensoli und Improvisation einfließen – und den Tango auf eine intellektuellere Ebene bringen.

Begonnen hatte seine musikalische Karriere im Alter von neun Jahren: Damals schaffte es der kleine Luis, seine beiden Onkel davon zu überzeugen, in ihren Proben als Folkloreband jeweils 15 Minuten lang den Bombo zu spielen, eine große Trommel. Dann lernte er klassische Gitarre, spielte irgendwann lieber die Musik von Jimi Hendrix als die alter Meister, gründete Bands, studierte Musik und schrieb sich im Konservatorium ein, das er wegen der schwierigen Zeit unter der Militärdiktatur wieder verließ, um sich mit einer Privatlehrer und autodidaktisch weiter auszu-bilden. In dieser Zeit hat er
zahlreiche Größen der Branche
kennengelernt – und gemeinsam
mit ihnen musiziert.

1996 kam Borda nach München, 1997 trat er unter anderem auf dem Festival „Lateinamerika in München“ in der Muffathalle auf. Gemeinsam mit seiner Schwester Lidia, einer der weltbesten Tango-Sängerinnen, spielte er bei der Neueröffnung der Bibliothek in Alexandria. Er gab Konzerte in Singapur und Brasilien, dazwischen lagen Auftritte in Deutschland, Österreich, Argentinien. Borda arbeitete an Filmprojekten über die Tangomusik mit, unter anderem als Komponist und als Schauspieler. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich intensiver mit der arabischen Musik.

„In Europa muss man sich bewegen, sonst kommen Krokodile“, bilanziert Borda seine Erfahrungen. Der Druck sei groß, aber die Erfolge seien es auch. Gerade in München gebe es eine sehr vielfältige und starke Musikszene. „Musik ist sehr wichtig für Deutsche“, stellt Borda fest. „Die musikalische Ausbildung der Kinder ist gut, es gibt eine große musikalische Tradition in der Familie.“ Dann schüttelt er seinen Lockenkopf, schaut ein wenig nachdenklicher und fragt: „Wo aber ist die musikalische Bewegung in München? Wo kann man Musik erleben?“ Klar, es gebe die großartigen Konzerte, zum Beispiel am Königsplatz, aber nach drei Stunden löse sich alles wieder in Luft auf. „Wo sind Münchens Musiker? In Argentinien stehen sie an jeder Ecke und spielen einfach so, zur Freude der Menschen.“ In München gebe es zu wenig Live-Musik, sagt Borda, obwohl das Musikerleben für Menschen doch so wichtig sei. „Hier finden sogar Straßenfeste ganz ohne Musik statt. Essen und Trinken sind zwar auch wichtig, aber das ist doch nicht wichtiger als die Musik!“ Anschwellende Empörung ist ihm anzuhören.

Nein, an den Münchnern liegt es nicht. Luis Borda erzählt, dass er sogar beste Erfahrungen mit seinen Nachbarn macht: Keiner beschwert sich, wenn er probt. Weniger die Menschen seien dafür verantwortlich, dass wir nicht wie Lateinamerikaner leben, sondern die Behörden: „Fragen Sie mal einen Wirt, warum er keine Live-Musik anbietet. Er wird schnell auf die Gesetze zu sprechen kommen.

Es gibt so viele Auflagen zur Vermeidung von Ruhestörung. Das kann schnell teuer werden.“ Auch für Musiker selbst sei es nicht leicht, eine Veranstaltung zu organisieren. Die Saalmieten seien meistens hoch. Und der notwendige Werbeaufwand sei beträchtlich.

Es ist also noch einiges zu tun, bis wir lebenslustige Lateinamerikaner werden – aber machbar ist das schon. Luis Borda wird uns zur Seite stehen. Derzeit entwirft er eine Veranstaltung, bei der Poesie, Gitarre und Gesang in ansprechender Umgebung aufeinandertreffen. Natürlich wird es auch an Essen und Trinken nicht mangeln. Wir alle sind herzlich eingeladen. Zunächst aber freuen wir uns auf sein Konzert am 16. Oktober im Spanischen Kulturinstitut Instituto Cervantes! Weitere Informationen: www.luisborda.de

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