Wenn die Haut zur Leinwand wird.

by · Mai 15, 2014


Wo würden Sie ein Tattoo stechen lassen? Wir stellen Ihnen Moriel Seror vor, von dem wir wissen, dass er sauber arbeitet, viele Ideen hat – und vielleicht sogar irgendwann zu den großen Tätowierern dieser Welt gehören wird. Leider sind die Wartezeiten bis zum ersten Termin schon recht lang. Dabei hat er sein Geschäft „El Mori Tattoo“ in der Karlstraße 118 doch erst im Januar 2014 eröffnet!


LocalLIFE: Moriel, Tattoos liegen seit vielen Jahren im Trend. Ist da noch kein Ende abzusehen?

Moriel Seror: Nein, im Gegenteil. Tattoos sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viele Menschen tragen sie ganz selbstverständlich: der Business-Mann unter dem Anzug, der Fußballspieler auf dem Unterarm, die Schülerin unter dem T-Shirt. Hatte nicht die Frau des letzten Bundespräsidenten auch eins? Okay, das war noch ein in der Öffentlichkeit diskutiertes Thema. Aber die Aufregung nimmt generell seit Jahren ab.

LocalLIFE: Das ist gut für Ihr Geschäft, nehmen wir an.
Moriel Seror: Ja schon. Aber gleichzeitig ruft es Leute auf den Plan, die sich eine Tätowiermaschine kaufen und einfach losstechen.

LocalLIFE: Wo liegt das Problem dabei?

Moriel Seror: Allzu oft fehlt mir der künstlerische Sachverstand. Man kann sich doch nicht mit einem Tattoo zufriedengeben, das man aus einer Mappe mit 50 Motiven ausgewählt hat und das von entsprechend vielen Menschen
getragen wird! Außerdem werden viele extrem wichtige hygienische Bedingungen außer Acht gelassen.

LocalLIFE: Bei Ihnen gibt es dann Original-Ethno-Tattoos, etwa so wie die Maoris sie tragen?

Moriel Seror: Auch das nicht! Das setzt nämlich voraus, zum entsprechenden Stamm zu gehören und die Erlaubnis des Clan-Chefs zu haben. Kommt in Europa eher selten vor … und es ist auch nicht mein Stil.

LocalLIFE: Sie arbeiten viel mit Farben. Licht und Schatten spielen eine große Rolle. Wie entstehen die Motive?

Moriel Seror: Kunden kommen häufig nur mit einer vagen Idee zu mir. Sie haben ein Bild im Kopf, irgendwann etwas gesehen. Ich nehme mir die Freiheit, sehr offen mit ihnen zu reden: Was geht, was geht nicht. Ich entwickle ihre Wünsche weiter. So komme ich zu Vorlagen, die ich dann wieder mit ihnen abstimme ¬ und die meistens überzeugen. Es gibt sogar Kunden, die mich einfach machen lassen, weil sie wissen, dass ihnen das Motiv gefallen wird. Am liebsten sind mir übrigens größere Bilder. Ein einziges kleines Objekt: Was ist das schon? Ich mag es auch nicht, wenn die Details einfach zusammengewürfelt werden. Es muss schon eine Logik dahinterstecken. Man stapelt nicht einfach Motive, so ganz ohne System. Schauen Sie sich einen Künstler wie Salvador Dalí an. Seine Elefanten haben zwar extrem lange Beine, aber das Bild könnte doch in seiner eigenen theoretischen Welt existieren und folgt einer gewissen Logik.

LocalLIFE: Sie haben einmal Medien-Informatik studiert. Wie kam es zu dieser doch großen Veränderung in der Berufswahl?

Moriel Seror (lacht): Meine Mutter ist Künstlerin (Dorothea Seror, Anmerkung der Redaktion) und schon als Kind war ich mit ihr, als sie noch lernte, in der Kunstakademie. Ich habe dort Tierschädel gezeichnet. Aber ich habe auch mitbekommen, dass Künstler kein Geld verdienen. Ich wollte in die Wirtschaft gehen, Erfolg haben, Geld verdienen.

LocalLIFE: Jetzt schaffen sie es vielleicht auf diesem Weg. Nennen Sie es Kunst, was Sie auf die Körper bringen?

Moriel Seror: Darüber streite ich mit meiner Mutter immer wieder. Sie sagt nein. Ich sage ja. Die Künstlersozialkasse sagt nein. Und die
Handwerkskammer hält das, was ich tue, nicht einmal für ein Handwerk. Dafür bin ich als Unternehmer Pflichtmitglied bei der IHK. Ein wenig kompliziert. Aber natürlich stelle ich höchste künstlerische Ansprüche an mich selbst. In die
Entwicklung meiner Motive fließen allerlei Wissen und Erfahrung ein, ¬ das fängt vielleicht beim Kirchengemälde an und geht bis zur abstrakten Kunst.

LocalLIFE: Haben Sie besondere handwerkliche Techniken?

Moriel Seror: Klar, diese Kunst erfordert ein ganz anderes Arbeiten als etwa die Malerei. Ich kann nicht einfach Farben übereinanderlegen. Da macht die Haut nicht mit. Es ist nur bis zu einem gewissen Grad möglich.

LocalLIFE: Sie arbeiten viele Stunden am Tag an einem einzigen Menschen. Wie läuft das ab?

Moriel Seror:
In der Regel habe ich zwei Sitzungen zu je vier Stunden. Dann reicht es den meisten Menschen. Nach Feierabend oder an den Wochenenden arbeite ich an den Entwürfen. Ich bin erst zufrieden, wenn es mir richtig gut gefällt. Ich informiere mich auch regelmäßig darüber, was die erfolgreichsten Tätowierer gerade machen.

LocalLIFE: Wie sieht es mit Hygiene und Gesundheit aus?

Moriel Seror: Die europäische Kontrolle ist streng, die deutsche noch strenger. Ich kaufe Farben beim Hersteller meiner Wahl ein und würde nie so etwas wie chinesische Farben kaufen. Bei der Verarbeitung kommt es darauf an, bis in die Lederhaut zu stechen. Dort verkapselt sich die Farbe. Würde sie zu tief eindringen, würde sie zerfließen. Hygiene ist für mich ein sehr großes Thema, über das man sich sehr ausführlich unterhalten könnte.

LocalLIFE: Kann man mit einem Tattoo eigentlich entspannt älter werden? Oder ist irgendwann die Laserkorrektur fällig?

Moriel Seror: Warum sollte das so sein? Eine Person, die zum Kunstwerk wurde, hat im Alter viel zu erzählen. Ich finde ältere, tätowierte Menschen total faszinierend – vor allem dann, wenn sie sich nicht zu oft in der Sonne aufgehalten haben.

LocalLIFE: Sie sind jetzt 26 Jahre alt. Wo werden Sie in zwanzig Jahren stehen?

Moriel Seror: Es klingt vielleicht komisch, aber ich möchte irgendwann der beste Tätowierer der Welt sein, auch wenn das nie der Fall sein wird. Es gibt immer einen, der besser und vor allem auch anders ist.




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