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Welches Kind ist schon gern im Krankenhaus, mag man sich fragen. Sie würden sich wundern! Michael zum Beispiel, der seit Geburt öfters mal zur Untersuchung vorbeikommen muss, hat mit dem Krankenhausleben kein Problem. Der Suppe der dortigen Kost gibt der Neunjährige fünf Sterne: „Die ist besser als zu Hause!“ Dabei grinst er seiner Mutter schelmisch zu. Aber Michael hat gut lachen: Ihm bleibt erspart, Weihnachten im Krankenbett verbringen zu müssen. Anderen Kindern leider nicht. Wir haben uns mit dem Oberarzt der Kinderchirurgie im Klinikum Dritter Orden unterhalten, wie Kinder die Feiertage im Krankenhaus erleben.

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Das Klinikum Dritter Orden, schön gelegen am Nymphenburger Kapuzinerhölzl, hat 574
Betten und 1700 Mitarbeiter. Vergangenes Jahr wurden rund 30.000 Patienten hier stationär betreut, knapp ein Viertel davon in der Kinderklinik, die insgesamt über 119 Betten verfügt. Von diesen stehen 40 in der Kinderchirurgie, für die unter anderem Dr. Hubert Greger zuständig ist. Der Oberarzt ist seit Bezug des neuen Gebäudes der Kinderklinik 2002 beim Dritten Orden und genießt das volle Vertrauen seiner kleinen Patienten: Durch seine ausgeglichene, fröhli-che Art beruhigen sie sich schnell in seiner Gegenwart. Der Vater zweier Kinder fühlt sich im Dritten Orden sehr wohl: Die Leute sind sehr sympathisch, sagt er, haben eine hohe Motivation und sind mit Freude bei der Sache. Das kommt der Arbeit zugute – nicht nur zur Weihnachtszeit.

Manche Kinder sind durch ihre Krankengeschichte dem Klinikum sehr verbunden. Gerade Frühgeborene müssen meist länger bleiben oder oft wiederkommen, weshalb sie eine persönliche Beziehung zum Krankenhaus aufbauen. Viele Schwestern übernehmen hinterher auch die erforderliche Hausbetreuung. Da entstehen Kontakte, man kennt sich, schickt sich noch über Jahre hinweg Postkarten. Wenn es zu einem längeren Aufenthalt kommt, ist der Hintergrund meistens eine schwere Erkrankung oder lebensbedrohliche Verletzung. Das Besondere an der Kinderchirurgie ist, dass hier nicht ein einzelnes Fachgebiet, wie Orthopädie oder innere Medizin, sondern eine Altersgruppe abgedeckt wird. Ob ein kleiner oder nicht mehr ganz so kleiner Patient in der Kinder- und Jugendmedizin behandelt wird, wird individuell entschieden.
„Kinder gehen mit einer Krankheit ganz anders um als Erwachsene“, erzählt Dr. Greger. Ihr Umgang ist unbefangener: Sie machen sich keine Sorgen um die Zukunft, akzeptieren viele Dinge als selbstverständlich und arrangieren sich damit. „Sie sind sehr lebensmutig, sehr mobil, und müssen eher mal gebremst werden.“
Kinder können eine brenzlige Situation eine ganze Zeitlang kompensieren. Das bedeutet: Man sieht einem Kind nicht unbedingt an, wie schlimm sein Zustand ist, wenn es munter im Wartezimmer herumtollt. Und plötzlich, von einem Moment auf den anderen, ist die Energie weg, und das Kind klappt zusammen. Das macht es sehr schwierig, die Dringlichkeit eines Notfalls bei Kindern festzustellen – und auch sehr notwendig. Bei 40.000 Notfällen im Jahr kann es vorkommen, dass sehr viele auf einmal einlaufen. Um kompetent darauf reagieren zu können, hat das Klinikum 2010 ein standardisiertes Verfahren zur Ersteinschätzung eingeführt: das so genannte Manchester-Triage-System, mit dem die Kinderkrankenschwestern und -Pfleger eine erste Bewertung der Dringlichkeit der Behandlung bei allen eintreffenden Patienten vornehmen. So kann man sich sofort um lebensbedrohliche Fälle kümmern, während die weniger bedrohlichen warten müssen – was manchmal auf Unverständnis bei den Eltern stößt. „Eltern haben Angst, wenn ihr Kind verletzt ist“, sagt Dr. Greger. „Da können manche dann nicht verstehen, wenn ein Kind, das nach ihrem gekommen ist, dennoch zuvor behandelt wird.“ Bei Bedarf klären die Pflegekräfte dann auf. Dieses System ist in den Münchner Kinderkliniken bisher einmalig und wurde von der unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft proCum Cert im vergangenen Jahr als „organisatorische Spitzenleistung mit Vorbildfunktion“ bezeichnet.

Kinder, gleich welcher Religionszugehörigkeit, erfahren Weihnachten als eine ganz besondere Zeit im Jahr – und erwarten auch im Krankenhaus, dass ihnen etwas Besonderes geboten wird.

Wenn es irgendwie geht, schickt man die Kinder nach Hause, so früh man es verantworten kann, damit sie die Feiertage daheim verbringen können. Das ist für alle die schönste Bescherung. Bei den Kindern, die aus medizinischen Gründen über die Feiertage in der Kinderchirurgie bleiben müssen, kommt oft die Familie zum Feiern vorbei. Das Klinikum verfügt über Eltern-Kind-Zimmer, damit auch Leute mit weiter Anfahrt Zeit mit ihrem Kind verbringen können.
Natürlich gibt es besonders gutes Essen, Plätzchen und Lebkuchen und eine liebevolle Weihnachtsdekoration, um die sich eine Schwester privat kümmert. Beim Dienstplan der Ärzte über die Feiertage werden die Singles und Kinderlo-sen in der Belegschaft nach Möglichkeit verstärkt in die Pflicht genommen. Einige arbeiten Vollzeit, andere haben Bereitschaft und dürfen, wenn wenig los ist, auch nach Hause – das wird nach Bedarf entschieden. Wenn ein Kind mit Fehlbildungen zur Welt kommt, muss sofort operiert werden – egal wann. Dr. Greger erinnert sich an eine Silvesternacht, in der er von 23 Uhr bis 2 Uhr morgens im neuen Jahr einen kompletten Blutaustausch bei einem Neugeborenen vornehmen musste. Und dazu kommen die Schlittenunfälle am Heiligen Abend: Wenn es tatsächlich doch einmal weiße Weihnachten gibt, gehen die Leute gern rodeln – und zwar am liebsten alle auf einmal. Als einmal der Schlosskanal zugefroren war, haben sich so viele Kinder beim Eislaufen etwas gebrochen, dass dem Krankenhaus tatsächlich der Gips ausgegangen ist. Feuerwerksunfälle ereignen sich erstaunlicherweise weniger an Silvester, dafür aber am 1. und 2. Januar, wenn die übriggebliebenen Kracher noch „verwertet“ werden. Man hat also unter Umständen alle Hände voll zu tun.

Die Belegschaft des Klinikums erhält dabei Unterstützung durch Ehrenamtliche: Die so genannten Spielefrauen, die zum Vorlesen und Unterhalten der Kleinen vorbeikommen, betreuen bei Bedarf die Kinder auch an den Feiertagen. Auch Schwesternschülerinnen und Praktikantinnen übernehmen gern diese Aufgabe – ebenso wie der 14-jährige Sohn von Dr. Greger, der von seiner Schule aus einen „sozialen Tag“ zu absolvieren hat, den er im Krankenhaus verbringt. Am 6.12. kommt dann, wie es sich gehört, der Nikolaus ins Klinikum und verteilt Kleinigkeiten. Die Bescherung an Heiligabend wird gemeinsam mit Kindern und Eltern, Liedern und Geschenken gefeiert. Hubert Fackler, katholischer Seelsorger im Klinikum, ist sehr engagiert, geht an Heiligabend auf alle Stationen der Kinderklinik und besucht die kleinen Patienten und ihre Familien. Im letzten Jahr, so berichtet er, hatte er an diesem Tag viele eindrückliche Begegnungen mit intensiven und schönen Gesprächen. In die Christmette in der Kapelle geht man meist nicht mit den Kindern, da sie erst um 22 Uhr stattfindet.

Dr. Greger kommt dieses Jahr an Weihnachten wahrscheinlich nicht zum Einsatz, wie er hofft. Er steht “ im Hintergrund“ in Rufbereitschaft zur Verfügung, und kann so wahrscheinlich das Fest mit seiner Familie feiern. „Familie ist für die Kinder wichtiger als Geschenke“, sagt Dr. Greger. „Allein wollen sie keine noch so schönen Geschenke auspacken.“ Man lässt ihnen an den Feiertagen also ganz besondere Aufmerksamkeit angedeihen; auch die innige Gemeinschaft mit den anderen Kindern in der Abteilung hilft sehr. Und so ist es tatsächlich auch schon vorgekommen, dass Kinder nach den Feiertagen im Krankenhaus sagen: „So schöne Weihnachten hatte ich noch nie!“

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Geschichte des Klinikums Dritter Orden:
Der Dritte Orden entstand aus Männern und Frauen, den so genannten „Tertiaren“, die sich im 13. Jahrhundert dem heiligen Franz von Assisi angeschlossen haben. 1902 kamen Mitglieder dieser christlichen Vereinigung auch in München zusammen – mit der Absicht, den Bedürftigen, vor allem den Kranken, sinnvoll zu helfen. 1912 entstand der Plan, eine Schwesternschule mit angeschlossener Krankenanstalt in Nymphenburg zu gründen, um den Schülerinnen die bestmögliche Ausbildung geben zu können. So entstand das Nymphenburger Krankenhaus . Seit 1979 ist es als akademisches Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität München angeschlossen. Den Namen „Klinikum Dritter Orden“, der an die Ursprünge erinnert, trägt es erst seit 2007.